[Review] ReactOS 0.3.17 Alpha

Ein kostenloses, freies Betriebssystem, das zu Windows voll kompatibel sein soll? Kann es das überhaupt geben, wenn man nichts von Microsoft kopieren kann? Russische Entwickler wollen das beweisen und haben sich dieser Aufgabe mit der Entwicklung von ReactOS angenommen. Bisher ist das Programm noch in der Alpha-Phase, also halte ich mich mit meinen Erwartungen zurück. Dennoch möchte ich natürlich wissen, was das System schon kann. ReactOS Thumbnail


Nachdem ich kürzlich wegen Problemen mit dem Grand Unified Bootloader (GRUB) und dem Grafiktreiber für Lubuntu das Betriebssystem neu aufsetzen musste, fragte mich der kepu94, weshalb ich nicht statt dem üblichen Windows-XP-Derivat Windows POSReady 2009 ein alternatives System einsetze und schlug ReactOS vor.
Kurz zur Erläuterung: ReactOS ist ein russisches Projekt, das versucht, ein freies Betriebssystem zu entwickeln, welches mit Software für die Windows-NT-Architektur kompatibel sein soll. In der aktuellen Entwicklung wird sich sowohl optisch als auch technisch stark an Windows XP orientiert. Darüber hinaus soll es gleichzeitig mögliche Sicherheitslücken schließen und ressourcenschonend arbeiten. Vor allem der letzte Punkt haben mich dazu bewegt, das System zu testen. Allerdings in einer virtuellen Maschine.

Daten der virtuellen Maschine:
15,00 GB HDD
Intel Xeon E3-1230 V3 @ 3,30 GHz (zwei bereitgestellte CPU-Kerne) mit aktivierter Physcial Address Extension
1024 MB Arbeitsspeicher
128 MB Grafikspeicher mit aktivierter 3D-Beschleunigung

Die verwendete virtuelle Maschine ist der Oracle VM VirtualBox Manager in der Version 5.0.14 r105127.
Weshalb die Prozessorleistung in der virtuellen Maschine derart überproportioniert gewählt wurde, zeigt sich im weiteren Verlauf.

Die Installation

Nach dem Einlegen der knapp 104 MB großen Installations-CD ins virtuelle Laufwerk beginnt zügig die Installation. Sie zeigt sich in bekannter Optik, welche auch bei Windows XP üblich gewesen ist, wenngleich sich die Tastenbelegung vom Original unterscheidet.

Sprachauswahl bei der Installation

Sprachauswahl bei der Installation

Bei der Installation werden bereits eine Vielzahl von Sprachen unterstützt, darunter auch eher selten gesprochene Sprachen wie etwa die baskische Sprache. So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch die Auswahl der deutschen Sprache problemlos funktioniert hat. Auch das Installationsmenü passt sich auf die Auswahl an.

Grafikeinstellungen während der Installation

Grafikeinstellungen während der Installation

Um eine problemlose Darstellung gewährleisten zu können, verwendet ReactOS den VESA-Standard-Grafiktreiber, dessen Auflösung und Farbtiefe sich bereits im Installationsmenü auswählen lassen. Leider ist keine Full-HD-Auflösung verfügbar. Für ältere Geräte sind die Auswahlmöglichkeiten dennoch ausreichend. Im Test wurden 1280×1024 Pixel bei einer Farbtiefe von 32 Bit verwendet.

Formatierung der Partition

Formatierung der Partition

Wie üblich muss die Festplatte vor der Installation zunächst in einem Dateisystem formatiert werden. Mit dem Windows-NT-Kernel wurde das New Technology File System, kurz NTFS, eingeführt, welches eine höhere Dateisicherheit und eine Dateigröße von mehr als 4 GB erlaubt und sich inzwischen als Standard bei Geräten mit Windows-Betriebssystem ertabliert hat. Scheinbar hat man das proprietäre NTFS nicht kopieren können und greift stattdessen auf das veraltete FAT-Dateisystem zurück. Bei aktuellen Programmen kann die Dateigrößenbegrenzung schnell zu Problemen führen, weswegen die Verwendung von FAT nicht empfehlenswert ist.

Ausführung der Formatierung der Partition

Die Formatierung wird flott ausgeführt

Wählt man die Schnellformatierung aus, so ist die Formatierung einer 20-GB-Festplatte in weniger als einer Sekunde abgeschlossen. Wählt man die Standardformatierung aus, so dauert der Vorgang einige Minuten. Da die Schnellformatierung in vielen Fällen ausreichend ist, wird der Vorgang rasch beendet und die Installation mit einem Neustart abgeschlossen.

 

Der Start

Bootloader von ReactOS

Bootloader von ReactOS

Beim Start wird automatisch der installierte Bootloader geladen, welcher verschiedene Startoptionen anbietet. Neben dem normalen Systemstart wird ein Debug-Modus, ein spezieller ReactOS-Debug-Modus sowie weitere Kontroll- und Notfalloptionen als Auswahl zur Verfügung gestellt. Wird kein Bootloader installiert, so ist ein Systemstart unter Umständen nicht möglich.

Der Systemstart geht recht flott von der Hand. Der Systemstart ist in wenigen Sekunden abgeschlossen. Unschwer zu erkennen ist, dass die letzte Version von 2014 ist. Angeblich wird aktuell an einer Version 0.4 gearbeitet, die gleichzeitig auch den Schritt von der Alpha- in die Beta-Version darstellen soll.

Desktop

Aufgeräumter Desktop (Firefox nicht vorinstalliert)

Optisch erinnert bei ReactOS viel an Windows 2000 bzw. an das klassische Theme von Windows XP. Einfach, aufgeräumt und vor allem ressourcenschonend. Wenige grafische Spielereien und Effekte. Perfekt zum schnellen und effizienten Arbeiten. Interessanterweise sind nativ zwei Desktops verfügbar, welche ein strukturiertes und diversifiziertes Arbeiten zulassen. Leider passen die Icons, die ein wenig an Linux-Umgebungen wie etwa Ubuntu erinnern, nicht ins Gesamtbild.

 

Der Betrieb

Wine Internet Explorer

Der vorinstallierte Browser: Wine Internet Explorer

Der vorinstallierte Wine Internet Explorer erinnert optisch stark an den alten Internet Explorer, der auch bei Windows XP mitgeliefert war. An den fehlenden Menüs und Symbolen lässt sich jedoch schnell erkennen, dass der Funktionsumfang dieses Browsers stark eingeschränkt ist.
Zu allem Überfluss ist der Browser nicht in der Lage die Suchmaschine Google aufzurufen. Es wird zwar für wenige Sekunden ein Ladehinweis angezeigt, doch das Fenster bleibt weiß. Auch andere Suchmaschinen wie etwa Yahoo oder Bing können nicht geladen werden. Auf diese Art ist es nicht möglich, sich einen Browser mit größerem Funktionsumfang oder gar andere Software herunterzuladen.

Wine Internet Explorer, zweites Bild

dosenbierdose.de im Wine Internet Explorer

Komischerweise werden manche Seiten problemlos geladen, wenngleich es zu Darstellungsfehlern und eingeschränkter Funktionalität kommt. Neben der Missachtung der Skalierung des Avatars war es auch nicht möglich, Verlinkungen auf der Seite anzuklicken.
Als Workaround zum Software-Download also auf die entsprechende Datei verlinken und dann anklicken? Keine Chance.

ReactOS Anwendungsmanager

ReactOS: Der Anwendungsmanager

Nach dem Durchstöbern des Startmenüs lässt sich ein Anwendungsmanager finden, der Linux-typisch diverse Programme auf dem System installieren kann. Die Programme sind in diverse Kategorien gegliedert, so dass man die Bibliothek schnell durchsuchen kann. Allerdings sind ohnehin nicht viele Programme verfügbar. In jedem Fall handelt es sich dabei um Open-Source-Programme, damit keine lizenzrechtlichen Probleme auftreten. Obschon es nur eine geringe Auswahl gibt, so finden sich einige Programme zum alltäglichen Arbeiten. Browser, Office-Paket, Mediaplayer oder PDF-Anzeigeprogramm lassen sich dort finden.
Allerdings: Eine Verknüpfung auf dem Desktop als Systemstandard hätte das Suchen erspart, wobei Windows-Nutzer allgemein daran gewöhnt sind, sich Programme direkt im Internet herunterzuladen.

Mozilla Firefox

Das Entwicklerteam empfiehlt: Mozilla Firefox

Im Anwendungsmanager lässt sich Mozilla Firefox auswählen und von dortaus problemlos installieren. Mit diesem lassen sich jegliche Webseiten problemlos darstellen. Darüber hinaus hat man nun alle Funktionen, die ein aktueller Browser haben sollte. Trotz 1024 MB Arbeitsspeicher und zwei starken Prozessorkernen ist das Arbeiten mit Mozilla Firefox quälend langsam. Mehr als zwei Tabs sind praktisch nicht möglich. Bei vier Tabs mit der Mozilla-Firefox-Startseite reagiert das System nicht mehr. Vernünftiges Arbeiten ist mit dem Browser so nicht möglich.
Zum Vergleich: Mein Upload-Laptop mit einem deutlich schwächeren Prozessor und weniger Arbeitsspeicher ermöglicht Arbeiten mit vier Tabs hakelig, aber ohne Systemabsturz.
Weiteres Manko: Offensichtlich fehlen die Steuersymbole für die Fenster. Minimieren, Verkleinern und Schließen sind zwar möglich, allerdings muss man die Positionierung der Icons erahnen.

Desktop mit 'Windows-typischen'Anwendungen

Typisch Windows

ReactOS bietet standardmäßig einige Windows-typische Anwendungen, wie etwa Paint oder den Rechner. Auch diese sind optisch an Windows 2000 bzw. XP angelehnt und lassen sich über dieselben Befehle öffnen. So kann die Anwendung Paint über den Ausdruck mspaint gestartet werden. Diese einfachen Anwendungen sind in ihrem Funktionsumfang den Originalanwendungen von Microsoft gleichgestellt. Über den Editor können übrigens auch Batch-Dateien erstellt werden, die dann ebenfalls in der Kommandozeile ausgeführt werden.

ReactOS-Kommandozeile

Die Kommandozeile

Die Kommandozeile von ReactOS ist, wie die meisten anderen Elemente, ebenfalls optisch der Vorlage nachempfunden. Da wundert es nicht, dass auch die Kommandos gleich sind und derselben Syntax folgen. Einfache Funktionen wie etwa die Auflistung von Dateien und Verzeichnissen mittels des Befehls dir beherrscht die Eingabeaufforderung bereits problemlos, während andere Funktionen wie etwa die Konsistenzprüfung eines Datenträgers (chkdsk) noch nicht implementiert wurden.

Fehlermeldung: Not yet implemented

Noch nicht implementiert

Ebenfalls noch nicht implementiert ist das Einstellen der Netzwerkumgebung. So kann man in ReactOS zwar per Standardeinstellungen auf das Internet zugreifen, aber das Einbinden in ein Netzwerk ist nicht möglich. Die damit einher gehenden Funktionen wie etwa der direkten Datenübertragung im Netzwerk sind damit ebenfalls ausgeschlossen. Somit taugt ReactOS in seiner aktuellen Version allenfalls als Einzelplatzsystem.

Bluescreen of Death

Noch eine Kopie vom Original

Eine Funktion, die man lieber nicht kopiert hätte: Der berühmte Bluescreen of Death.
Da das Einbinden in ein lokales Netzwerk mangels Implementation noch nicht möglich ist, muss man seine Daten anderweitig auf den mit ReactOS betriebenen Rechner scheffeln. Am einfachsten funktioniert dies mit einem USB-Stick oder einer USB-Festplatte funktionieren. Schließlich ist dies seit Jahren ein gängiger Standard; sollte man zumindest meinen.
Schließt man seinen Wechseldatenträger an, so wird dieser ordnungsgemäß im Explorer erkannt. Wagt man sich allerdings nun, auf das Gerät zugreifen zu wollen, so beendet sich die Instanz des New Technlogy Operating System Kernel, die liebevoll als ntoskrnl.exe existierte und durch ihr spontanes Ableben einen Systemabsturz verursacht.
Laut Entwickler-Seite ist eine USB-Unterstützung noch nicht vollständig implementiert, doch statt einer vorsichtigen Meldung, das dies noch aussteht, wird der Nutzer gleich mit einem alten und verhassten Bekannten überrascht.

Startmenü und 'Ausführen'-Befehl

Drängeln um die Vorherrschaft

Neben diversen Anwendungen hat man bei ReactOS selbstverständlich auch die typischen Tastenbefehle implementiert. So kann beispielsweise mittels Windows + R der Ausführen-Befehl geöffnet werden, mit dem man Systemanwendungen wie etwa die Registrierungsdatenbank öffnen kann. Leider wird beim Drücken der Tasten nicht durch die Kombination erkannt, sondern auch noch die Windows-Taste selbst. Ärgerlich, da man zunächst das Startmenü wieder schließen und das Fenster fokussieren muss. Fällt es gar nicht auf, kann man so versehentlich den Rechner ausschalten.

Solitär, Spider-Solitär und Minesweeper

Die Riege der Unterhaltung

Als Einzelplatzsystem muss man natürlich auch ein wenig Unterhaltung bereitstellen. Dies wird wie bereits im Anwendungsmanager durch freie Software realisiert. So stehen nahezu originalgetreue Kopien von Solitär, Spider-Solitär oder Minesweeper zur Verfügung. Auf den 3D Pinball sowie Hearts oder Dame muss der Nutzer jedoch verzichten oder auf eigene Faust installieren.

Taskmanager mit CPU-Auslastung von über 100 Prozent

Reiche ich den Finger, nimmst du die ganze Hand… oder den Arm

Selbstverständlich stellt ReactOS dem Anwender einen Taskmanager zur Verfügung. Doch entweder leidet dieser an Dyskalkulie oder das System lebt deutlich über seine Verhältnisse. Von Ressourcen sparen keine Spur. So ist es schon gar nicht mehr verwunderlich, dass der Leerlaufprozess zwar keinen Arbeitsspeicher benötigt, dafür aber bei der CPU-Leistung deutlich zuschlägt. Ohne weiteres Zutun ist der Rechner zu 112% ausgelastet. Selbst der Tastmanager selbst ist davon derart überrascht, dass er stattdessen lieber -12% CPU-Auslastung anzeigt.

 

Das Fazit
ReactOS möchte ein Windows-Klon sein die Entwickler versuchen demnach so viele Funktionen wie möglich zu implementieren. Gleichzeitig möchten sie die Fehler verbessern, die Microsoft bei Windows XP gemacht hat und dort das System sogar ausbauen.
Optisch ist man dem Design von Windows 2000 bzw. dem klassischen Theme von Windows XP sehr nahe gekommen und achtet darauf, grafische Spielereien, welche das System verlangsamen, zu vermeiden. Auch viele typische Anwendungen haben bereits ihren Weg in das System gefunden. Paint, WordPad, der Editor oder auch die Registrierungsdatenbank sind bereits der Teil des Systems.
Gleichzeitig sind noch viele Baustellen vorhanden. Netzwerk- und USB-Unterstützung fehlen noch komplett. Der Standardbrowser ist nicht in der Lage, grundliegende Aufgaben korrekt auszuführen. Tastenkombinationen funktionieren nicht richtig und auf bequemes Scrollen mit dem Mausrad muss verzichtet werden.
Darüber hinaus wird dem Nutzer, sofern er ihn findet, ein Anwendungsmanager angeboten, der das Angebot an Software erweitern kann. Leider passt diese Idee überhaupt nicht in das Konzept, ein Windows zu imitieren. Langjährige Windows-Nutzer ohne Linux-Erfahrung mag dies vielleicht stören, aber die typische Installation über eine ausführbare Datei ist ebenfalls möglich, sofern der vom Entwickler empfohlene Browser, Mozilla Firefox, korrekt funktioniert.
Leider ist dieser instabil und langsam. Arbeiten auf schwachen System macht damit nicht wirklich Spaß. Allgemein ist die Verwaltung von Speicher und CPU-Leistung merkwürdig und die Dokumentation im Taskmanager dank fehlerhafter Berechnung dieser Werte mehr als problematisch.

ReactOS macht viele Dinge richtig und hat sich ein klares Ziel gesetzt. Einige Dinge sind bereits gut gemacht und sind bestenfalls ein Hinweis auf die zukünftige Entwicklung. Leider sind viele Dinge noch unfertig, so dass regelmäßiges Arbeiten damit nahezu unmöglich ist.
Diesen Realismus teilt auch der Entwickler, der von der Nutzung des Betriebssystems über Testzwecke hinaus ausdrücklich nicht empfiehlt.

ReactOS ist noch im Alpha-Stadium und nicht mehr. Niemand sollte zum jetzigen Zeitpunkt ein fertiges und fehlerfreies Betriebssystem erwarten.
Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung des Projektes weiter fortgesetzt wird und sich daraus wirklich eine Alternative für ressourcenarme Geräte entsteht, die Windows-NT-kompatibel sind.