[Review] Le Mans: Racing Is Everything (S01)

Die 24 Stunden von Le Mans gelten als das anspruchsvollste Rennen der Welt. Für Mensch und Maschine. Ein Szenario wie geschaffen für eine dramatische Geschichte und großartige Bilder. Kann die Realität eine solche Geschichte auf Abruf produzieren und kann die Atmosphäre eingefangen werden? Es bleibt zu hoffen, dass die Serie dem Anspruch von Le Mans gerecht wird. Le Mans: Racing is Everything Thumbnail


We do the whole Formula One season in one day. – Mark Webber, neunmaliger F1-Grand-Prix-Sieger und ehemaliger Teilnehmer der 24 Stunden von Le Mans

Die Amazon-Originals-Serie Le Mans: Racing Is Everything wurde am 09.06.2017, eine Woche vor dem 85. 24-Stunden-Rennen in Le Mans, weltweit veröffentlicht. Sie umfasst bislang eine Staffel, welche aus sechs Folgen zu je 26 Minuten besteht. Diese ist zu dem ausschließlich in der Originalvertonung verfügbar, welche überwiegend aus englischer Sprache besteht. Einzelne Passagen sind in deutscher oder französischer Sprache zu hören. Unabhängig davon gibt es englische Untertitel. Aktuell steht die Produktion nur Abonnenten von Amazon Prime ohne zusätzliche Kosten zur Verfügung.

Start des 24-Stunden-Rennens auf dem Circuit de la Sarthe

Die Formationsrunde. Noch 24 Stunden bis zum Ziel.

Zunächst beleuchtet die Dokumentarserie kurz die Geschichte des Langstreckenrennens an der Sarthe und geht dabei auch auf die Gefahren und Unfälle der vorherigen Rennen ein, bevor sie die Entwicklung des ursprünglich als Fan-Projekt gestarteten Le-Mans-Radios aufzeigt. Anschließend werden die einzelnen Klassen erklärt und die Konkurrenten der LMP1-Klasse vorgestellt, die im Mittelpunkt steht und um den Gesamtsieg der 83. 24 Stunden von Le Mans im Jahr 2015 kämpft. Neben den Favoriten Audi und Porsche wird hier vor allem der Neueinsteiger Nissan präsentiert. Hier versucht man mit diversen Innovationen zu punkten. Eine davon ist der Einsatz von einem Fahrzeug, welches von Gran-Turismo-Spielern pilotiert wird, welche von Nissan zu Rennfahrern aufgebaut wurden. Dem ebenfalls aus Japan stammenden Kontrahenten Toyota wird hingegen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Diese wird dem einzigen Team ohne Werksunterstützung, Rebellion, zuteil.
Von nun an dreht sich die Dokumentation um die dreiwöchige Vorbereitung sowie das Rennwochenende selbst. Neben vielen Szenen von der Arbeit in den Fabriken und an der Strecke kommen immer wieder Teamchefs und Fahrer zu Wort, die ihre persönliche Sicht auf das Rennen, insbesondere die Probleme und Gefahren, teilen. Die Rennszenen beschränken sich überwiegend auf technische und menschliche Komplikationen.

Das 24-Stunden-Rennen von Le Mans zählt, neben dem Indianapolis 500 und dem Grand Prix von Monaco, zu den traditionsreichsten und bedeutendsten Rennen des gesamtem Motorsports. Ein großes Rennen, mit dem höchsten Anspruch an Mensch und Maschine. Ein Anspruch, dem sich auch diese Serie stellen muss. Gerade zu Beginn kann die Doku durchaus überzeugen. Die Einblicke in die Vorbereitung sind spannend, ganz besonders die Hintergründe um die Nissan-Fahrer aus dem GT-Academy-Programm. Auch die Interviews mit den Verantwortlichen und den Fahrern beleuchten die emotionale und persönliche Bedeutung des Rennens. Während die Rennsieger Nick Tandy und Earl Bamber ihre Erlebnisse geschildert haben, ist der dritte Fahrer des Autos, Nico Hülkenberg, nur Statist. Fraglich ist, ob er sich nicht vor die Kamera stellen wollte oder ob ihn seine Tätigkeit als Formel-1-Fahrer vertraglich daran hindert. Auch die Aufnahmen, sowohl die historischen als auch die aktuellen, sind hochwertig und eindrucksvoll, wenngleich es einige wenige Bildstörungen in den Onboard-Aufnahmen gibt, die aufgrund der kabellosen Übertragung aber nicht unüblich sind.
Im weiteren Verlauf, mit Beginn der Berichterstattung an der Rennstrecke, lässt die inhaltliche Qualität nach. Zunehmend wirkt die Produktion mehr wie ein lieblos zusammengeschnittenes Hightlight-Video des Rennwochenendes, in dem gelegentlich Originaltöne des Fahrers zu hören sind. Von den Emotionen ist nur noch wenig zu spüren. Der Fokus liegt scheinbar ausschließlich bei den Problemen der einzelnen Teams und die Reaktionen von Fahrer und Teamchef. Die harte Arbeit der Mechaniker und Ingenieure wird zwar angerissen, kommt aber insgesamt zu kurz. Die Hektik in den Boxen bei der Reparatur des Fahrzeugs bekommt der Zuschauer genauso wenig zu sehen wie die Arbeit in der Datenauswertung. Ebenfalls weitgehend vernachlässigt wurden die Zuschauer an der Strecke, die zu der Atmosphäre des Rennens beitragen.

Blick über den Circuit de la Sarthe in der Dämmerung

Der Circuit de la Sarthe im Morgengrauen. Die letzen Stunden des Rennens brechen an.

Abschließend betrachtet hat Le Mans: Racing Is Everything die Eindrücke und Emotionen der Fahrer nachvollziehbar wiedergegeben, während alle anderen Aspekte des Traditionsrennens in der Pays de la Loire nahezu komplett untergehen. Sowohl Fakten als auch Emotionen bleiben weitgehend auf der Strecke.* Letztere können nicht einmal von der ordentlichen musikalischen Untermalung profitieren. Die Laufzeit von gerade einmal zweieinhalb Stunden ist derart knapp bemessen, dass man eigentlich gar nicht mehr erwarten kann. Gerade mit einem starken Partner wie Amazon hätten die Produzenten deutlich mehr ins Detail gehen und entsprechende Blicke hinter die Kulissen bieten können. So bekommt der Zuschauer eine Serie, die vielversprechend beginnt, letztlich aber nicht einmal als Einstimmung zum aktuellen 24-Stunden-Rennen von Le Mans dienen kann.

Zusätzliche Quellen: IMDb

* Das war keine Absicht. Das ist mir erst beim Korrekturlesen aufgefallen.