Der Webvideopreis im Kampf gegen sich selbst

Der Webvideopreis im Kampf gegen sich selbst

Die Anfänge des Internets waren dem Austausch von Wissen vorbehalten. Mit steigender Verbreitung jedoch, stieg der Anteil an künstlerischen und wirtschaftlichen Produkten, die im Netz konsumiert werden können. Durch Plattformen wie YouTube kann praktisch jeder Produzent solcher Inhalte in Form von audiovisuellem Material werden. Die 2011 gegründete European Web Video Academy GmbH strebt eine „nachhaltige Förderung einer pluralistischen, kreativen sowie wirtschaftlich erfolgreichen Medienlandschaft“ an und zeichnet demnach diverse Webvideoproduzenten in entsprechenden Kategorien aus.

So schnelllebig das Internet inzwischen geworden ist, so rasch ändert sich auch das Konzept des Webvideopreises. Jede Neuauflage präsentiert neue Kategorien und ironischerweise ist das klassische Fernsehen gern Vorbild für die Veranstaltung. Nachdem in den ersten Jahren die Moderation von Christoph Krachten, damaligem Chef des seiner Zeit größten deutschen YouTube-Netzwerks, übernommen wurde, soll Barbara Schöneberger durch die diesjährige Preisverleihung leiten.
Im vorletzten Jahr war das Interesse sogar derart groß, dass es eine Liveübertragung beim Westdeutschen Rundfunk gegeben hat; also dem Medium von dem sich das Internet ursprünglich distanzieren wollte.

2016 zog sich das Event wieder ins Internet zurück und nutzte sogleich die damals neue Livestreaming-Funktion des sozialen Netzwerks Facebook. Aber auch in diesem Jahr stehen die sozialen Netzwerke im Vordergrund der Abstimmung. Anstelle einer Abstimmung auf der eigenen Webpräsenz, an der man durch einen Login mit einem Nutzeraccount oder durch Verknüpfung mit einem sozialen Netzwerk teilnehmen und den eigenen Favoriten der jeweiligen Kategorien anklicken kann, haben sich die SEO- und Marketingmenschen eine geniale Idee einfallen lassen. Die Nutzer sollen auf sozialen Netzwerken unter Bildern und Videos für ihre Lieblinge abstimmen, in dem sie kommentieren. Sobald man auf Facebook einen Kommentar abgegeben hat, wird diese Tatsache in den Timelines der Freunde angezeigt und auf Twitter und YouTube wird die Veranstaltung mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Trends zu sehen sein. Und so haben die Nutzer erfolgreich Werbung für die Veranstaltung gemacht.

Übersicht über die Social Influcer Kampagne

Die diesjährigen Kategorien sind neben den Männern und Frauen des Jahres vor allem thematisch gegliedert, etwa Spiele oder Essen. Darüber hinaus hat sich die WVP-Academy wirtschaftliche Kategorien ausgedacht, so etwa die beste „Social Influencer Campaign“, die zwar eine gewisse Daseinsberechtigung hat, aber damit gleichzeitig die Seriösität der Preisverleihung in Frage stellt, da eine Werbekampagne nicht beurteilt werden kann, ohne für dessen Inhalt eine Plattform zu bieten. Auffällig ist hier, dass die Nominierungen inkonsistent ausgewählt worden sind. Während BibisBeautyPalace und Sami Slimani für ihre eigenen Produktlinien nominiert sind, ist Julien Bam für eine Zusammenarbeit mit einer externen Firma zur Wahl vorgeschlagen worden. Bei der eigenen Ware haben die Videoproduzenten sämtliche kreative Freiheiten in dessen Herstellung und natürlich auch in der Vermarktung, die bei der Kooperation von Julien Bam und dem Limonadenproduzenten zu einem Teil der Firma obliegen.

Übersicht über die Food Kamapgne

Unstimmigkeiten liegen auch in anderen Kategorien vor, etwa der Kategorie „Food“. Die Kanäle „Sallys Welt“ und „Grillshow“ stehen zur Wahl mit ihrem „Kanal als Gesamtwerk“. Die „Datteltäter“ hingegen sind mit einem einzigen Video nominiert worden. Ein Kanal mit hunderten Videos und diversen Videoreihen, der Arbeit und künstlerische Entwicklung über Jahre hinweg darstellt, tritt also gegen ein einzelnes Video, eine Momentaufnahme und alleinstehende Aussage an. Die Academy hat hier einen sinnvollen Vergleich praktisch unmöglich gemacht.
Was genau Heidi Klum in der Riege der Nominierten der Rubrik „Beauty“ zu suchen hat, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Zu ihrer Nominierung ist lediglich ihr Instagram-Account verlinkt, der tatsächlich einige kurze Videoclips enthält, die überwiegend Werbung für ihre Castingshow im Privatfernsehen sind und gelegentlich ein Zeitraffer ihres Kosmetikkonsums sind. Einen wirtschaftlichen oder gar künstlerischen Mehrwert für die deutsche Webvideoszene lässt sich da nicht erkennen.

Eigentlich eine sehr gute Sache ist, dass die Academy nun auch soziale Kampagnen auszeichnen möchte. So sind etwa „Loot für die Welt 3“ und „Friendly Fire 2“ nominiert. Subjektiv nach Unterhaltungswert und objektiv nach Spendensumme pro Stunde lassen sich diese zweifelsohne bewerten. Die Aufmerksamkeit auf solche gemeinnützigen Produktionen zu lenken ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Allerdings bleibt hier der schlechte Beigeschmack, dass hier Vergleiche angestellt werden, die das eigentliche Ziel, dem gemeinschaftlichen Helfen einer Community, aushebeln und eine sinnlose Metarivalität erschaffen, die dem Grundgedanken widerstrebt.

Eine Frage ist auch nach mehreren Preisverleihungen nur unzureichend geklärt worden. Was ist mit den Kleinen? Also denjenigen, die sich um qualitative Videos bemühen, sich aber nicht mit Hunderttausenden oder gar Millionen von Abonnenten schmücken dürfen. Die „Newcomer“-Kategorie bietet zwar Neulingen eine Chance, aber auch nur für Kanäle, die nicht älter als ein Jahr sind. Somit sind Produktionen von älteren Kanälen, die stetig qualitatives Material veröffentlichen, aber nicht über entsprechende Reichweite verfügen, von einer möglicherweise verdienten Auszeichnung ausgeschlossen.

Nicht alles ist unbedingt schlecht. Die „Education & Science“-Kategorie ist ein positiv hervorzuhebendes Beispiel aus der Gesamtheit des Webvideopreises. Unterschiedliche Konzepte mit demselben Ziel und gerechten Konkurrenten. Insgesamt maßt sich das Event jedoch eine Wichtigkeit in der Szene des Webvideos an, die es nicht einmal ansatzweise untermauen kann. Völlig unpassende Nominierte und ungleiche Maßstäbe zum Vergleich innerhalb einer Kategorie hebeln die Seriösiät der Veranstaltung aus und lassen sie aussehen wie einen lächerlichen Versuch, Preisverleihungen à la Hollywood zu imitieren. Anstatt die Szene in eine Richtung zu lenken, die kreative und hochwertige Produktionen belohnt, verschenkt sie ihr Potenzial und unterstreicht das aktuelle Bild, das Reichweite über Qualität stellt.

EDIT vom 21.04.2017: Es wurde vom Präsidenten der Academy bekannt gegeben, dass alle Nominierten der Kategorie „Social Campaign“ eine Auszeichnung erhalten sollen und das Verfahren im kommenden Jahr geändert werden soll. Zumindest ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Zusätzliche Quellen: WebvideopreisFacebook: Webvideopreis Deutschland

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